Wenn ein ehemaliger Porsche-Chef öffentlich erklärt, Deutschland steuere darauf zu, einen „Großteil seines Wohlstands zu verlieren“, dann ist das kein Alarmismus eines Verbrenner-Romantikers. Es ist die nüchterne Diagnose eines Mannes, der jahrzehntelang erlebt hat, wie Wertschöpfung entsteht – und wie leicht sie zerstört werden kann. Wendelin Wiedeking benennt damit etwas, das die Politik seit Jahren systematisch verdrängt: Wohlstand ist kein moralischer Anspruch, sondern das Ergebnis funktionierender Industrie.
Die deutsche Politik tut derzeit so, als ließe sich wirtschaftliche Realität per Verordnung ersetzen. Energiepolitik wird zur Gesinnungsfrage, Industriepolitik zur Symbolpolitik, Technologiepolitik zur Moraldemonstration. Wer darauf hinweist, dass Wettbewerbsfähigkeit, Energiepreise, Planungssicherheit und Investitionsbedingungen zusammengehören, gilt schnell als rückständig oder interessengeleitet. Dabei ist genau das der Kern jeder erfolgreichen Volkswirtschaft.
Was Wiedeking ausspricht, ist eine einfache Wahrheit: Man kann ein Hochlohnland mit komplexen Produkten nicht gleichzeitig deindustrialisieren und erwarten, dass der Wohlstand bleibt. Deutschland lebt nicht von Appellen, sondern von Exporten. Nicht von Haltung, sondern von Leistung. Nicht von Regulierung, sondern von Ingenieurskunst. Wer diese Grundlagen beschädigt, beschädigt das Fundament des Sozialstaats gleich mit – ganz gleich, wie sozial die Absicht formuliert ist.
Besonders fatal ist die Gleichzeitigkeit der politischen Fehler. Energie wird künstlich verteuert, Genehmigungsverfahren verlangsamt, Investitionen ideologisch gefiltert, Technologiepfade politisch vorgegeben. Gleichzeitig wundert man sich über Produktionsverlagerungen, Investitionsstau und den Verlust industrieller Kerne. Das ist keine Verkettung unglücklicher Umstände. Das ist die logische Folge einer Politik, die Industrie als Problem betrachtet – nicht als Lösung.
Der Wohlstandsverlust, vor dem gewarnt wird, kommt nicht plötzlich. Er ist schleichend. Erst wandert die Forschung ab, dann die Fertigung, dann die Zulieferer, schließlich die Kompetenz. Zurück bleiben Subventionen, Förderprogramme und Beschwichtigungsrhetorik. Und irgendwann die Erkenntnis, dass man Wertschöpfung nicht zurückverordnen kann, wenn sie einmal weg ist.
Die politische Reaktion auf solche Warnungen folgt stets demselben Muster: Man relativiert, moralisiert, verschiebt. Der Markt habe sich eben zu ändern. Die Industrie müsse sich anpassen. Der Wandel sei alternativlos. Doch Wandel ohne Realismus ist kein Fortschritt, sondern Selbsttäuschung. Eine Politik, die glaubt, industrielle Exzellenz ließe sich durch Absichtserklärungen ersetzen, hat ihren Auftrag nicht verstanden.
Wiedekings Abrechnung ist deshalb weniger ein persönlicher Kommentar als ein Symptom. Immer mehr Stimmen aus der industriellen Praxis melden sich zu Wort – spät, aber deutlich. Sie alle sagen im Kern dasselbe: Deutschland spielt mit seinem Erfolgsmodell, ohne einen tragfähigen Ersatz zu haben. Man setzt auf Zukunft, ohne Gegenwart zu sichern. Man redet von Transformation, ohne die Kosten ehrlich zu benennen.
Der eigentliche Skandal ist nicht die Warnung.
Der Skandal ist, dass sie notwendig ist.
Denn der Verlust von Wohlstand ist kein Naturereignis. Er ist das Ergebnis politischer Entscheidungen. Und wer diese Entscheidungen trifft, ohne ihre Konsequenzen zu tragen, handelt nicht verantwortungsvoll, sondern fahrlässig.
Deutschland verliert seinen Wohlstand nicht, weil es sich verändert.
Deutschland verliert ihn, weil es Realität mit Ideologie verwechselt.
