Ausgerechnet Italien zeigt Deutschland inzwischen, wie politische Führung aussehen kann. Das Land, das jahrzehntelang für wechselnde Regierungen, zerbrechende Koalitionen und politisches Theater stand, wird seit fast vier Jahren von derselben Regierung geführt. Am 4. September 2026 erreicht Giorgia Melonis Kabinett mit 1.413 Tagen die längste ununterbrochene Amtszeit einer italienischen Regierung seit Gründung der Republik 1946. Das ist kein persönlicher Gesamtrekord – Silvio Berlusconi regierte über mehrere Kabinette zusammengerechnet länger –, aber angesichts von 68 italienischen Regierungen seit 1946 eine beachtliche Leistung.Der Rekord allein macht noch keine gute Regierung. Aber Meloni hat etwas geschafft, das in Deutschland zunehmend verloren gegangen ist: Sie hat aus einem Wahlergebnis einen Regierungsauftrag gemacht. Sie führt ihre Koalition, hält konkurrierende Partner zusammen und lässt den Bürger erkennen, in welche Richtung sie das Land führen will.Meloni regiert keineswegs nur mit Gleichgesinnten. Matteo Salvinis Lega verfolgt eigene Interessen, Forza Italia musste nach dem Tod Berlusconis ihre Rolle neu finden, und bei Europa, Russland, Wirtschaft und Migration bestehen erhebliche Unterschiede. Trotzdem erlebt Italien nicht täglich das Schauspiel einer Regierung, deren Minister einander öffentlich widersprechen und anschließend erklären, der Streit sei ein Zeichen besonders lebendiger Zusammenarbeit.Meloni bestimmt den politischen Rahmen. Die Koalition führt nicht sie – sie führt die Koalition.
Genau das haben wir in Deutschland während der Ampelregierung vermisst und vermissen wir teilweise noch immer: eine Regierung, die nicht nur verwaltet, moderiert, prüft und vertagt, sondern entscheidet.Was Meloni außerdem auszeichnet, ist ihre Fähigkeit, politische Überzeugungen mit pragmatischem Regierungshandeln zu verbinden. Vor ihrem Amtsantritt wurde vor einem italienischen Finanzsturm, dem Bruch mit Europa und einer internationalen Isolation gewarnt. Nichts davon trat ein. Meloni hielt Italien in EU und NATO, unterstützte die Ukraine und arbeitete mit Ursula von der Leyen zusammen, obwohl sie politisch aus einer völlig anderen Richtung kommt.
Sie hat verstanden, dass eine Regierungschefin nicht jeden Wahlkampfsatz buchstabengetreu vollstrecken kann. Sie hat aber ebenso verstanden, dass Pragmatismus nicht bedeuten darf, die eigene politische Identität nach der Wahl an der Garderobe des Regierungspalastes abzugeben.Auch wirtschaftlich ist das Ergebnis differenzierter, als Bewunderer und Gegner behaupten. Das italienische Haushaltsdefizit sank von 3,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2024 auf 3,1 Prozent 2025 und soll 2026 bei 2,9 Prozent liegen. Die Beschäftigung erreichte im Juni 2026 rund 24,31 Millionen Menschen. Die Arbeitslosigkeit ist deutlich zurückgegangen. Das widerlegt zumindest die Vorhersage, unter Meloni werde Italien wirtschaftlich zusammenbrechen und von den Finanzmärkten abgestraft.Ein italienisches Wirtschaftswunder ist daraus jedoch nicht geworden. Die EU-Kommission erwartet für 2026 gerade einmal 0,5 Prozent Wachstum. Die Staatsschuldenquote dürfte auf rund 138,5 Prozent steigen und 2027 sogar 139,2 Prozent erreichen. Ein erheblicher Teil der Investitionen wird außerdem durch den europäischen Wiederaufbaufonds getragen. Meloni hat Italien stabilisiert, aber seine jahrzehntealten strukturellen Probleme nicht beseitigt.Ähnlich fällt die Bilanz bei der Migration aus. 2023 stieg die Zahl der über das Mittelmeer Angekommenen zunächst auf mehr als 155.000. 2024 sank sie auf rund 66.300 und blieb 2025 ungefähr auf diesem Niveau. Der Rückgang ist erheblich, beruht aber nicht allein auf Melonis Politik, sondern auch auf Vereinbarungen mit Tunesien und Libyen, europäischer Unterstützung und veränderten Migrationsrouten. Das teure Albanien-Modell wurde zudem mehrfach von Gerichten blockiert und blieb zunächst weit hinter den Ankündigungen zurück.Dennoch hat Meloni etwas bewirkt: Sie spricht irreguläre Migration als staatliche Steuerungsaufgabe an und nicht als schicksalhaftes Naturereignis, das nur noch möglichst geräuschlos verwaltet werden könne. Sie versucht, Kontrolle zurückzugewinnen, auch wenn nicht jeder Versuch funktioniert. In Deutschland dagegen wird schon die Beschreibung des Problems häufig zum moralischen Verdachtsfall erklärt. Man diskutiert lieber darüber, welche Worte erlaubt sind, als darüber, warum ein Staat seine eigenen Regeln nicht durchsetzen kann.Gerade darin liegt Melonis eigentliche Stärke. Sie spricht verständlich. Sie benennt Interessen. Sie lässt erkennen, wofür sie steht. Man kann ihre Überzeugungen ablehnen, aber man muss sie nicht aus Koalitionspapieren, Regierungserklärungen und Talkshowauftritten mühsam zusammensuchen.Deutschland fehlt keine italienische Kopie und benötigt auch keine deutsche Meloni. Uns fehlen jedoch Eigenschaften, die Meloni verkörpert: Klarheit, Führung, politische Belastbarkeit, strategischer Pragmatismus und der Wille, nach einer Entscheidung nicht beim ersten medialen Gegenwind wieder umzukehren.Deutsche Politik verspricht regelmäßig, Klima, Industrie, Sozialstaat, Migration, Wohnungsbau, Verteidigung, Steuersenkungen und Haushaltsdisziplin gleichzeitig miteinander zu versöhnen. Weil das unmöglich ist, entstehen Kompromisse, bei denen niemand mehr sagen kann, was eigentlich entschieden wurde. Meloni vermittelt dagegen, dass Politik aus Interessenkonflikten besteht und Regieren bedeutet, Prioritäten zu setzen.Das macht sie nicht unfehlbar. Im März 2026 lehnten knapp 54 Prozent der Italiener ihre Justizreform ab. Auch bei der Wahlrechtsreform zeigten sich Risse im Regierungslager. Hinzu kommen die problematischen politischen Wurzeln der Fratelli d’Italia, die über die Alleanza Nazionale zum neofaschistischen Movimento Sociale Italiano zurückreichen. Angriffe auf Medien, Justiz oder andere unabhängige Institutionen dürfen niemals als notwendige Begleiterscheinung starker Führung verharmlost werden.Doch man muss Meloni nicht politisch verehren, um ihre Leistung anzuerkennen. Sie nahm eine Partei vom Rand, gewann eine Wahl, organisierte eine Mehrheit und machte daraus eine stabile Regierung. Sie hält Partner zusammen, vertritt italienische Interessen und bleibt international handlungsfähig. Nach fast vier Jahren wissen die Italiener noch immer, wer ihre Regierung führt und wofür diese Regierung grundsätzlich steht.In Deutschland wäre bereits das eine bemerkenswerte Neuerung.Das eigentlich Erstaunliche ist daher nicht, dass Giorgia Meloni nun einen italienischen Regierungsrekord erreicht. Erstaunlich ist, dass ein Land, das jahrzehntelang als europäischer Meister der politischen Instabilität galt, inzwischen teilweise berechenbarer regiert wird als Deutschland. Italien besitzt weiterhin die höhere Verschuldung, das schwächere Wachstum und enorme strukturelle Probleme. Aber es besitzt derzeit etwas, das sich mit keinem Sondervermögen finanzieren lässt: eine Regierungschefin, die erkennbar regieren will.