Man muss nicht technikfeindlich sein, um diesen Vorgang abstoßend zu finden. Im Gegenteil: Gerade wer die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz erkennt und sie täglich nutzt, muss widersprechen, wenn aus technischem Fortschritt ein industrieller Raubzug gegen die menschliche Geistesarbeit wird. KI-Konzerne kaufen Bücher nicht, um sie zu lesen, zu bewahren oder Menschen zugänglich zu machen. Sie schneiden die Buchrücken ab, jagen die losen Seiten durch Hochleistungsscanner und lassen das übrig gebliebene Papier recyceln. Der Inhalt landet nicht in einer öffentlichen Bibliothek, sondern auf den Servern privater Unternehmen.
Das gedruckte Buch wird geschlachtet, damit sein Wissen zum Rohstoff eines milliardenschweren Geschäftsmodells werden kann. Der Autor, der möglicherweise Jahre seines Lebens in dieses Werk investiert hat, kommt in dieser Wertschöpfungskette praktisch nicht mehr vor.
Beim KI-Unternehmen Anthropic war das kein Versehen und kein unbedeutender Versuch. Das geheim gehaltene „Project Panama“ wurde in einem internen Dokument als Vorhaben beschrieben, „alle Bücher der Welt“ zerstörend zu scannen. Innerhalb weniger Monate sollten Hunderttausende bis zu zwei Millionen Bücher verarbeitet werden. Insgesamt kaufte Anthropic Millionen Exemplare, ließ die Buchrücken mit hydraulischen Schneidemaschinen entfernen, digitalisierte die Seiten und entsorgte anschließend die körperlichen Originale. Zuvor hatte das Unternehmen bereits Millionen Bücher aus illegalen Schattenbibliotheken heruntergeladen.
Wegen 482.000 betroffener Titel wurde inzwischen ein Vergleich über 1,5 Milliarden Dollar genehmigt. Anthropic betont dennoch bis heute, nicht das Training seiner KI mit den Büchern sei unzulässig gewesen, sondern lediglich die Art ihrer Beschaffung. Ein amerikanischer Richter hatte tatsächlich entschieden, dass das Training grundsätzlich als „Fair Use“ gelten könne. Das Aufschneiden legal gekaufter Bücher wurde ebenfalls akzeptiert: Die digitale Kopie ersetze das zerstörte Druckwerk und werde nicht zusätzlich verkauft.
Das ist juristisch möglicherweise folgerichtig. Moralisch ist es eine Bankrotterklärung.
Wer ein gebrauchtes Buch für fünf oder zehn Dollar kauft, erwirbt das Papier, den Einband und das Recht, dieses Exemplar zu lesen oder weiterzuverkaufen. Dass daraus praktisch auch das Recht entstehen soll, das geistige Werk industriell zu verwerten, in ein kommerzielles KI-Modell einzubauen und damit Milliarden zu verdienen, zeigt, wie hilflos das alte Urheberrecht gegenüber der neuen Wirklichkeit geworden ist. Der Autor erhält vom Gebrauchtkauf nichts. Von der Digitalisierung erhält er nichts. Vom Training der KI erhält er nichts. Und wenn die Maschine später Texte produziert, die von seinem Wissen und seinem Stil mitgeprägt wurden, soll auch das ausschließlich die große schöpferische Leistung des Konzerns sein.
Inzwischen hat eine Recherche von 404 Media den Weg einer Lieferung von rund 1.000 Büchern mithilfe eines versteckten AirTags bis zu einer Amazon-Einrichtung in Las Vegas verfolgt. Mitarbeiter berichteten, ihre Arbeit bestehe darin, Bücher entgegenzunehmen, die Strichcodes zu erfassen, die Einbände abzuschneiden und die Seiten zu scannen. Amazon bestätigte, Bücher über reguläre Handelswege zu kaufen, um seine Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln und zu verbessern.
Damit ist die Geschichte längst größer als Anthropic. Allerdings sollten wir nicht denselben Fehler machen wie manche zugespitzte Schlagzeile: Es ist nicht belegt, dass sämtliche großen Technologieunternehmen Millionen unersetzlicher Raritäten vernichten. Nachgewiesen sind Millionen verarbeitete Bücher und einzelne seltene oder vergriffene Werke. Wie viele davon tatsächlich die letzten erhaltenen Exemplare waren, weiß niemand. Doch schon die Tatsache, dass offenbar niemand zuverlässig kontrolliert, was dort unwiederbringlich zerschnitten wird, ist skandalös genug.
Ein millionenfach gedruckter Roman ist nach seiner Digitalisierung nicht aus der Welt verschwunden. Bei seltenen Fachbüchern, kleinen wissenschaftlichen Auflagen, fremdsprachigen Werken oder längst vergriffenen Regionalpublikationen kann das anders aussehen. Ein physisches Werk kann öffentlich auffindbar, ausleihbar, weiterverkaufbar und von Wissenschaftlern untersucht werden. Seine private digitale Kopie in einem Trainingsbestand ist dagegen weder eine Bibliothek noch ein Kulturarchiv. Sie ist Betriebsvermögen. Der Öffentlichkeit wird das Buch genommen, während sein Inhalt hinter den Mauern eines Konzerns verschwindet.
Die bitterste Pointe liegt jedoch in der Begründung für den neuen Hunger nach alten Büchern. Das Internet wird zunehmend von automatisch erzeugten Texten überflutet. Trainiert man neue Modelle immer wieder mit den Erzeugnissen älterer Modelle, können Qualität, Vielfalt und Zuverlässigkeit sinken. Die Wissenschaft spricht vom möglichen „Model Collapse“. Deshalb werden Texte aus der Zeit vor der großen KI-Welle besonders wertvoll: Sie sind nachweislich von Menschen geschrieben, häufig lektoriert, strukturiert und sprachlich wesentlich gehaltvoller als der digitale Wortschlamm, den Maschinen inzwischen selbst in unvorstellbarer Menge produzieren.
Ausgerechnet die Unternehmen, die uns erklären, künstliche Intelligenz könne menschliche Autoren, Journalisten, Übersetzer und Wissenschaftler teilweise ersetzen, durchsuchen nun die analoge Vergangenheit nach unverbrauchtem menschlichem Denken. Die Maschine braucht den Menschen offenbar so dringend, dass man seine Bücher tonnenweise aufkauft und zerlegt. KI erweist sich damit nicht als unabhängige Intelligenz, sondern als gigantisches Verdauungssystem für menschliche Kultur.
Das Problem ist nicht die Digitalisierung. Bücher zu digitalisieren, um sie zu erhalten und weltweit zugänglich zu machen, kann ein großartiger kultureller Fortschritt sein. Die Harvard Library stellt nahezu eine Million gemeinfreie Bücher aus sechs Jahrhunderten als öffentlich nutzbaren Datensatz bereit. Das ist Digitalisierung im Dienste des Wissens. Bücher heimlich zu zerstören, ihre Inhalte in proprietäre Modelle einzusperren und daraus private Marktmacht zu erzeugen, ist das Gegenteil: keine Bewahrung, sondern Aneignung.
Wir erleben keine klassische Bücherverbrennung. Es werden keine missliebigen Gedanken vernichtet, weil eine Diktatur sie fürchtet. Der Vorgang ist kälter, moderner und geschäftsmäßiger: Die Bücher werden zerstört, weil ihr Inhalt wertvoll ist. Man vernichtet nicht das Wissen, sondern dessen frei verfügbaren Träger, nachdem man sich das Wissen zuvor kopiert hat.
Vielleicht ist genau das die kulturelle Signatur unserer Zeit. Jahrhunderte menschlicher Erfahrung, Forschung, Fantasie und Sprache werden auf Paletten angeliefert, mit hydraulischen Messern zerlegt und in Daten verwandelt. Anschließend präsentieren uns dieselben Unternehmen ihre Maschinen als Schöpfer.
Die KI frisst ihre Eltern – und Big Tech stellt uns anschließend die Rechnung für deren Gedanken.