Zum Inhalt
FAKTEN & FOLGEN
Unabhängig. Kritisch. Mit Folgen.

Wolfgang Büscher vom Kinder- und Jugendwerk „Die Arche“ warnt erneut vor den Folgen einer gescheiterten Integration. Die BILD zitiert ihn mit einem Satz, der hängen bleibt: „Irgendwann wenden sie sich gegen uns.“ Man könnte das als die nächste zugespitzte Schlagzeile abtun. Könnte man. Wenn da nicht ein kleines Problem wäre: Büscher erzählt diese Geschichte nicht erst seit gestern. Bereits im November 2023 berichtete der Tagesspiegel ausführlich über seine Warnungen vor Antisemitismus und islamistischer Radikalisierung unter Jugendlichen aus Flüchtlingsfamilien. Damals sagte Büscher, Judenhass und Ablehnung unserer Kultur erlebten seine Mitarbeiter schon seit Jahren. 2024 erklärte er gegenüber dem ZDF, die Arche sei an einem „Kipp-Punkt“ angekommen. Gewalt, radikale Prediger auf TikTok, Anwerbeversuche und Israelhass – die Warnungen lagen auf dem Tisch. Man musste sie nur lesen. Oder hören. Oder vielleicht einfach einmal ernst nehmen.

2025 wurde es nicht besser. Im Juni berichtete die Arche, dass bereits Elfjährige mit Springmessern in ihren Einrichtungen auftauchten. Durchschnittlich zwölfmal im Monat würden Vorfälle mit möglicher Messergewalt Jugendämtern oder Polizei gemeldet. Das sind zunächst Beobachtungen einer Hilfsorganisation in sozialen Brennpunkten und keine repräsentative Untersuchung über Migranten in Deutschland. Diesen Unterschied muss man machen. Nur macht dieser Hinweis das eigentliche Problem leider nicht kleiner, denn inzwischen redet längst nicht mehr nur die Arche.

Der Berliner Verfassungsschutz stellt für 2025 fest, dass das islamistische Personenpotenzial in Berlin von 2.440 auf 2.590 Personen gestiegen ist. Verantwortlich für den Zuwachs seien insbesondere salafistische Bestrebungen. Noch bemerkenswerter ist eine andere Feststellung: Professionalisierte Online-Aktivitäten internationaler Terrororganisationen und salafistischer Prediger erreichen über soziale Medien immer mehr junge Menschen. Der Verfassungsschutz bezeichnet diese Propaganda ausdrücklich als zentralen Radikalisierungstreiber. Auch das kam nicht plötzlich vom Himmel gefallen. Bereits für 2024 hatte der Berliner Verfassungsschutz darauf hingewiesen, dass islamistische Propaganda über soziale Netzwerke immer stärker auf Jugendliche und sogar Kinder zielt.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle kurz festhalten, wie der Umgang mit solchen Problemen in Deutschland inzwischen funktioniert. Wir erkennen ein Problem, dann beobachten wir es. Anschließend untersuchen wir es, richten vielleicht noch eine Arbeitsgruppe ein und veröffentlichen schließlich einen Bericht darüber. Ein Jahr später erscheint der nächste Bericht, in dem steht, dass das Problem größer geworden ist. Das nennt man vermutlich Fortschritt.

Noch unangenehmer wird es, wenn man sich die Arbeit der Berliner Strafverfolgungsbehörden ansieht. Im Juli 2025 wurden wegen des Verdachts der Verbreitung von IS-Propaganda 22 Wohnungen durchsucht. Die Beschuldigten waren überwiegend zwischen 15 und 23 Jahre alt. Im November folgte die nächste Aktion mit 16 Wohnanschriften; diesmal waren die Beschuldigten überwiegend zwischen 16 und 24 Jahre alt. Die Generalstaatsanwaltschaft schrieb selbst, solche Propaganda werde insbesondere von Jugendlichen, Heranwachsenden und jungen Erwachsenen konsumiert und verbreitet und diene zunehmend als Grundlage beschleunigter islamistischer Radikalisierung. Das ist keine Interpretation der BILD. Das schreibt die Generalstaatsanwaltschaft Berlin.

Und selbstverständlich muss man etwas anderes genauso deutlich sagen: Die überwältigende Mehrheit der Migranten und Muslime in Deutschland ist nicht islamistisch, nicht gewalttätig und läuft auch nicht mit einem Messer herum. Wer aus den beschriebenen Problemen einen Generalverdacht gegen Millionen Menschen konstruiert, macht es sich genauso einfach wie diejenigen, die diese Probleme jahrelang kleingeredet haben. Gerade deshalb muss man sie offen benennen. Verschweigen schützt niemanden – schon gar nicht die große Mehrheit derjenigen, die sich längst integriert haben.

Denn Integration ist keine freundliche Einladung zu einem unverbindlichen kulturellen Austausch. Wer dauerhaft in Deutschland lebt, bekommt Rechte, Schutz und Chancen. Aber dieses Land hat Regeln. Gleichberechtigung gehört dazu, Religionsfreiheit ebenso. Antisemitismus gehört nicht dazu. Und dass man politische, persönliche oder religiöse Konflikte nicht mit einem Messer austrägt, sollte eigentlich nicht Gegenstand eines Integrationskurses sein müssen. Noch wichtiger: Integration geschieht nicht dadurch, dass man Menschen über die Grenze lässt und anschließend eine Sozialarbeiterin, einen Lehrer und irgendeinen ehrenamtlichen Verein mit dem Rest beauftragt.

Genau darauf weist die Arche seit Jahren hin. Besonders bitter ist, dass Büscher 2024 gegenüber dem ZDF berichtete, wer alles schon im Besprechungszimmer der Arche gesessen habe: Bundespräsidenten, Minister, Abgeordnete, Bürgermeister und andere Politiker. Es wurde geredet, zugehört und vermutlich auch manches Foto gemacht. Nur verstanden hätten nach seiner Einschätzung die wenigsten. Und genau da wird die Geschichte politisch wirklich interessant, denn niemand kann ernsthaft behaupten, man habe von diesen Entwicklungen nichts gewusst.

2023 gab es die Warnungen vor Antisemitismus und Radikalisierung. 2024 sprach die Arche vom „Kipp-Punkt“. 2025 berichtete sie von Elfjährigen mit Messern, während gleichzeitig zwei große Durchsuchungsaktionen wegen IS-Propaganda vor allem junge Beschuldigte betrafen. 2026 meldet der Verfassungsschutz einen weiteren Anstieg des islamistischen Personenpotenzials und warnt erneut vor der Radikalisierung junger Menschen über soziale Medien. Und im August 2026 warnt Wolfgang Büscher wieder. Wie oft muss man einen Staat eigentlich warnen, bis er merkt, dass er gemeint ist?

Man kann über Zuwanderung streiten, über Obergrenzen, Asylrecht, Abschiebungen, Familiennachzug und Fachkräfte. Das alles sind legitime politische Diskussionen. Über eine Sache sollte man nach mehr als einem Jahrzehnt allerdings nicht mehr diskutieren müssen: Wer Menschen aufnimmt, muss auch dafür sorgen, dass Integration funktioniert. Und wenn sie nicht funktioniert, muss ein Staat eingreifen – früh, konsequent und ohne ständig darüber nachzudenken, ob die Beschreibung der Wirklichkeit vielleicht politisch unpassend sein könnte.

Wer das nicht tut, schadet übrigens gerade den Migranten, die sich integriert haben, arbeiten, ihre Kinder erziehen und selbstverständlich nach den Regeln dieses Landes leben. Sie geraten irgendwann unter einen Generalverdacht, weil Politik und Behörden zu lange davor zurückgeschreckt sind, sich mit einer Minderheit konsequent auseinanderzusetzen. Das ist vielleicht eine der größten Absurditäten dieser Geschichte.

Wir haben jahrelang geglaubt, Probleme verschwänden, wenn man nur vorsichtig genug über sie spricht. Sie waren weniger höflich. Sie sind einfach größer geworden.

  • Beitragsart: Kommentar
  • Quelle: BILD – Warnung vor gescheiterter Integration https://www.bild.de/regional/berlin/warnung-vor-gescheiterter-integration-irgendwann-wenden-sie-sich-gegen-uns-6a842d5ad54f65372fb0ccfd Tagesspiegel – „Judenhass und Islamismus in Berlin: Wir haben zu viel Rücksicht genommen“ https://www.tagesspiegel.de/berlin/judenhass-und-islamismus-in-berlin-wir-haben-zu-viel-rucksicht-genommen-10786273.html ZDFheute – Arche: Integration und Flüchtlingspolitik https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/arche-fluechtlinge-grenzen-hilfe-100.html BILD – Elfjährige mit Messern bei der Arche https://www.bild.de/news/inland/schon-elfjaehrige-tragen-in-berliner-hilfswerk-die-arche-ein-messer-68301c107114e657db10f1e6 B.Z. – Arche-Helfer schlagen wegen Messergewalt Alarm https://www.bz-berlin.de/berlin/messer-kinder-arche Berliner Verfassungsschutz – Verfassungsschutzbericht 2025 https://www.berlin.de/sen/inneres/verfassungsschutz/aktuelle-meldungen/2026/artikel.1676481.php Berliner Verfassungsschutz – Verfassungsschutzberichte https://www.berlin.de/sen/inneres/verfassungsschutz/publikationen/verfassungsschutzberichte/ Generalstaatsanwaltschaft Berlin – Erneuter Action Day wegen Verbreitens von IS-Propaganda https://www.berlin.de/generalstaatsanwaltschaft/presse/pressemitteilungen/2025/pressemitteilung.1616092.php Polizei Berlin / Generalstaatsanwaltschaft – Action Day wegen Verbreitens von IS-Propaganda https://www.berlin.de/polizei/polizeimeldungen/2025/pressemitteilung.1582580.php
powered by social2s